Es wird in eurem Land immer Arme geben; deshalb befehle ich euch: Unterstützt eure armen und Not leidenden Brüder! 5. Mose 15,11
Sie war so um die Vierzig, stand auf dem Parkplatz neben den Einkaufswagen und bot den Vorübergehenden etwas Gedrucktes an. Zeugin Jehovas? Werbeaktion des Discounters?
Als ich näher kam, hielt sie mir eine Zeitung unter die Nase. Ich las auf dem Titelblatt: Obdachlosenzeitung aus Dortmund für 1,50 €. Dortmund? Nanu. Das war nicht gerade um die Ecke. Zunächst holte ich mir einen leeren Einkaufswagen.
Einsfünfzig. Liebegüte. Wenn das der Frau die Mühe Wert war, bei diesem Wetter hier herumzustehen. Ich kam sowieso nicht an ihr vorbei. Also kramte ich gedankenverloren in meiner Geldbörse nach Einsfünfzig, kaufte eine Zeitung und wollte von dannen ziehen.
„Darf ich etwas fragen?“, hielt mich die Zeitungsverkäuferin auf. „Sicher.“ Ich blieb stehen und wartete. „Ich habe Kinder. Wir sind arm. Ich brauche Essen für meine Kinder.“ Nun schaute ich ratlos und fragte: „Was soll ich tun?“ (Brauchte sie mehr Bargeld? Sollte ich die Kinder adoptieren? Einen Dauerauftrag für ihren Unterhalt einrichten? – Halt Stop. Das waren gemein.)
Sie trat einen Schritt auf mich zu und kam mir plötzlich sehr nah. „Sie können helfen! Wir arm. Kinder brauchen Essen. Viel Essen.“ Ich wich einen Schritt zurück. Ich mochte es nicht, bedrängt zu werden.
„Ich mag es nicht, wenn man mich bedrängt!“ antwortete ich. Die Bittstellerin blieb an mir dran. „Sie helfen! Wir arm.“ – „Ich habe Ihnen eine Zeitung abgekauft,“ warf ich ein. Sie zuckte mit den Schultern. „Eine Zeitung. Ja. Das gut. Danke.“
Sie wandte sich ab und ließ mich gehen. Endlich.
Gutes zu tun hatte mir dieses Mal überhaupt keinen Spaß gemacht. Nicht ein bisschen. Aber es war ein Schnäppchen gewesen. Nur Einsfünfzig.

