Hebräer 10,19+20a

Liebe Brüder und Schwestern! Wir haben also freien Zutritt zum Allerheiligsten! Jesus hat sein Blut geopfert und uns den Weg durch den Vorhang hindurch frei gemacht, diesen neuen Weg, der zum Leben führt. Hebräer 10,19+20a


Schwert oder Buttermesser?

Da war er wieder, dieser Hebräertext. Vor wenigen Wochen hatte ich ihn als Schriftlesung in einem Festgottesdienst vorgelesen. Jetzt begegnete er mir in der Fortlaufenden Bibellese.

In besagtem Festgottesdienst wurde auf Wunsch des Liturgen „Jesus hat sein Blut geopfert“ geändert in „die Versöhnungstat Jesu“.

Ich weiß noch, wie mulmig mir damals zumute war. Redete ich die Versöhnungstat Jesu nicht klein, wenn das Blut unerwähnt blieb? Mir kam es so vor, als würde sich das zweischneidige Schwert in ein harmloses Buttermesser verwandeln (Hebräer 4,12).

Nun. Der Festgottesdienst war jedenfalls super gelaufen. Niemand hatte das Blut Jesu vermisst. Möglicherweise war bei dieser Feier ein Buttermesser einem Schwert vorzuziehen. Schon wegen der Unfallgefahr und der Häppchen hinterher. 😉

Mein Gewissen blieb allerdings unbeeindruckt. Es saß mir im Nacken und stellte Fragen. Ich brauchte eine zweite Meinung.


Theologischer Waldspaziergang

Wir stolperten über unwegsames Gelände. „Du, hör mal,“ fing ich an. „Stell dir vor, Jesus wäre nicht am Kreuz gestorben, sondern einfach so.“ – „Wie? Einfach so? An einem Herzinfarkt?“ – „Zum Beispiel. Oder Alterschwäche. Jedenfalls ohne Gewalteinwirkung und Blutvergießen. Einfach gestorben. Und drei Tage nach seiner Beerdigung wäre er wiedergekommen. Hätte seinen Freunden auf die Schulter geklopft und gesagt, Leute, ich habe bei Gott alles für euch klar gemacht. Er vergibt euch und ihr werdet auferstehen wie ich. Darauf könnt ihr euch verlassen.“

„Auferstehung ohne Kreuz? Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Hm. Wenn Jesus alt geworden wäre, hätte er noch viel mehr Gutes bewirken können. Wie Mutter Teresa, oder Albert Schweitzer.“ Weitere gute Menschen fielen uns ein. Dann war Schweigen im Walde. Zum einen hingen wir unseren Gedanken nach, zum anderen mussten wir sehr aufpassen, um nicht zu hinzufallen.

Schließlich hatte ich eine letzte Frage. „Wäre es für dich das gleiche, wenn Jesus nicht am Kreuz sondern eines natürlichen Todes gestorben wäre?“

Nebenbei: Ich war froh, jemand zu kennen, dem ich solche Fragen stellen konnte. Die Antwort ließ auf sich warten und kam in Form lauten Nachdenkens.

„Wenn Jesus nicht am Kreuz gestorben wäre… sondern eines natürlichen Todes… Nein, das wäre nicht das gleiche für mich… Das wäre etwas völlig anderes… Ein anderer Glaube…“ –

Ich war erleichtert, blieb aber nachdenklich.

Wir verließen den schlecht begehbaren Pfad und kamen auf einem bequemeren Weg unversehrt bis nach Hause.


Eine gute Nachricht

Eines war mir klar geworden. Versöhnung ohne Jesu Blut gab es nicht. Die ganze Passionsgeschichte war wichtig. Jesu Gebet um Verschonung in Getsemani, Verrat, Verlassenheit, Gerichtsverhandlung, Schuldspruch, vollstrecktes Todesurteil. Ohne Karfreitag konnte es nicht Ostern werden.

Die Schuld der Menschen wog zu schwer. Mit einem versöhnlichen Händedruck, einer Kranzniederlegung oder einer Entschuldigung war es nicht getan.

Auch ich hatte einiges auf dem Kerbholz. Mein Gewissen ließ sich auf nichts ein. Es verurteilte mich. Dank Jesus hoffte ich auf einen Neuanfang, auf Vergebung. Denn Jesus war auch für meine Schuld geboren worden, hatte gelitten, wurde gekreuzigt, war gestorben, begraben und auferstanden.

Ja, ich durfte auf einen Neuanfang hoffen (vielleicht nach einem versöhnlichen Händedruck, mit einer Kranzniederlegung oder einer Entschuldigung).

Das ist eine richtig gute Nachricht! 🙂

Mein Gewissen gibt Ruhe. Endlich.

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